Weekly Backlog KW 24/2026
Katrin Peter 8 Minuten Lesezeit

Weekly Backlog KW 24/2026

Die beste Zeit, über digitale Souveränität nachzudenken, war vor zehn Jahren. Die zweitbeste ist nach dem nächsten Microsoft-Audit.

🧠 Editorial

Die beste Zeit, über digitale Souveränität nachzudenken, war vor zehn Jahren. Die zweitbeste ist nach dem nächsten Microsoft-Audit.

Bayern will plötzlich unabhängiger von Microsoft werden.

Microsoft möchte wissen, wann du im Büro bist.

Trump möchte bei OpenAI einsteigen.

Die Wallet kommt - vielleicht?!

Und ganz Europa diskutiert digitale Souveränität, während die Hälfte der öffentlichen Verwaltung ohne amerikanische Cloud-Dienste vermutlich nicht einmal mehr den Kaffee kochen könnte.

Man könnte sagen: Das Timing ist bemerkenswert.

Willkommen im Weekly Backlog. Diese Woche geht es um Abhängigkeiten, die man erst bemerkt, wenn sie unbequem werden.

📰Tech-News:

Trump plant Regierungsbeteiligung an OpenAI, Anthropic & Co.

Donald Trump prüft laut mehreren Medienberichten einen staatlichen KI-Fonds, der Beteiligungen an Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic halten soll. Die offizielle Begründung klingt verlockend: Die amerikanische Bevölkerung soll direkt vom wirtschaftlichen Erfolg der KI-Revolution profitieren.

Doch je genauer man hinschaut, desto mehr Fragen entstehen.

Denn die führenden KI-Unternehmen werden inzwischen mit Summen bewertet, die selbst im Silicon Valley als ambitioniert gelten. OpenAI und Anthropic stehen vor möglichen Börsengängen mit Bewertungen von deutlich über einer Billion US-Dollar. Gleichzeitig verbrennen viele dieser Unternehmen weiterhin Milliardenbeträge. Die Kosten für Rechenzentren, Chips, Energie und Modelltraining steigen ungebremst. Die Hoffnung auf künftige Gewinne ist gewaltig. Die tatsächlichen Gewinne bislang nicht.

Damit stellt sich eine einfache Frage: Warum sollte ausgerechnet jetzt der Staat als Käufer auftreten?

In jedem normalen Markt wäre ein staatlicher Einstieg zu Höchstbewertungen ein erhebliches Risiko für den Steuerzahler. Bei KI kommt hinzu, dass noch völlig offen ist, welche Anbieter in fünf oder zehn Jahren überhaupt zu den Gewinnern gehören werden. Der Markt wird sich konsolidieren. Viele der heute gefeierten Marktführer werden scheitern, übernommen werden oder ihre Erwartungen verfehlen.

Genau deshalb wirkt die Idee weniger wie eine Investitionsstrategie und mehr wie eine politische Rettungsleine für eine Branche, deren Bewertungen inzwischen immer schwerer zu rechtfertigen sind.

Noch problematischer ist der Interessenkonflikt. Wie unabhängig kann ein Staat eine Industrie regulieren, wenn er gleichzeitig deren Großaktionär ist? Wer kontrolliert künftig die Entwicklung von KI-Systemen: demokratische Institutionen oder Unternehmen, an deren Erfolg dieselben Institutionen finanziell beteiligt sind?

Trump verkauft das Projekt als Beteiligung der Bürger am technologischen Fortschritt. Seine politische Vergangenheit liefert allerdings genügend Gründe für Skepsis. Durch beide Amtszeiten zieht sich ein Vorwurf wie ein roter Faden: Politische Entscheidungen kommen regelmäßig ihm selbst, seinem Umfeld oder ausgewählten wirtschaftlichen Verbündeten zugute.

Deshalb sollte eine weitere Frage erlaubt sein:

Geht es wirklich darum, die Bevölkerung am Wohlstand der KI zu beteiligen? Oder geht es darum, hoch bewerteten Technologieunternehmen einen staatlich finanzierten Großinvestor zu verschaffen, bevor der Markt beginnt, ihre tatsächlichen Werte neu zu bewerten?

Wenn Staat und Big Tech zu eng zusammenrücken, profitieren am Ende nicht die Bürger – sondern diejenigen, die die Anteile bereits besitzen.

🔗https://www.heise.de/news/KI-Staatsfonds-Trump-plant-Regierungsbeteiligung-an-OpenAI-Anthropic-Co-11320626.html?utm_term=Autofeed&utm_medium=Social&utm_source=LinkedIn#Echobox=1780766147

Orts- und Bürozeiterfassung in Microsoft Teams kommt

Schon als Microsoft diese Funktion vor Monaten angekündigt hat, war die Kritik groß. Datenschützer, Betriebsräte und viele Beschäftigte fragten sich zu Recht, warum eine Kollaborationsplattform plötzlich wissen muss, wer wann in welchem Büro sitzt.

Jetzt soll das Feature tatsächlich ausgerollt werden. Teams kann künftig über das Unternehmens-WLAN erkennen, ob sich Mitarbeiter im Büro befinden und diese Information anderen zur Verfügung stellen.

Überrascht mich das? Kein bisschen.

Ich halte es für naiv zu glauben, dass ein Konzern wie Microsoft auf die Möglichkeit verzichten würde, die voyeuristischen Bedürfnisse mancher Kontrollfetischisten zu bedienen. Schließlich gibt es einen Markt für solche Funktionen. Sonst würden sie nicht entwickelt.

Natürlich wird das Ganze als bessere Zusammenarbeit verkauft. Das ist bei solchen Funktionen immer die offizielle Begründung. Tatsächlich erweitert sich damit aber vor allem die Menge an Daten, die über Beschäftigte erfasst werden können.

Die Infrastruktur für Überwachung wird aufgebaut, lange bevor sie genutzt wird.

Und genau deshalb geht es hier nicht um ein einzelnes Teams-Update. Es geht um die schleichende Normalisierung von Kontrolle. Was heute als hilfreiches Feature erscheint, kann morgen bereits als selbstverständliche Erwartung gelten.

🔗https://www.heise.de/news/Orts-und-Buerozeiterfassung-in-Microsoft-Teams-kommt-11318714.html?utm_term=Autofeed&utm_medium=Social&utm_source=LinkedIn#Echobox=1780578632

Deutschlands digitale Brieftasche: Hauptsache pünktlich, fertig kann später kommen

Deutschland bekommt 2027 eine digitale Brieftasche. Das klingt nach einem längst überfälligen Schritt in Richtung moderner Verwaltung. Tatsächlich zeichnet sich schon heute ab, dass Deutschland eine digitale Identitätslösung einführen wird, von der bereits vor dem Start bekannt ist, dass wesentliche Funktionen fehlen.

Qualifizierte elektronische Signaturen sollen zunächst nicht verfügbar sein. Zahlungsfunktionen ebenfalls nicht. Selbst datenschutzfreundliche Verfahren wie Zero-Knowledge-Proofs, mit denen sich etwa ein Alter nachweisen ließe, ohne das Geburtsdatum preiszugeben, werden voraussichtlich nicht rechtzeitig bereitstehen. Gleichzeitig ist die Sicherheitsbewertung noch nicht abgeschlossen.

Trotzdem hält die Politik am Termin fest.

Damit wird ein Muster sichtbar, das viele staatliche Digitalprojekte seit Jahren begleitet: Nicht die Fertigstellung eines Systems bestimmt den Zeitpunkt der Einführung, sondern die Einführung bestimmt, was als „fertig" gilt.

Besonders bemerkenswert ist das, weil es hier nicht um irgendein Verwaltungsportal geht. Die digitale Brieftasche soll künftig Ausweise, Führerscheine und andere Identitätsnachweise verwalten. Sie soll die Grundlage dafür schaffen, wie Bürgerinnen und Bürger sich digital gegenüber Staat und Unternehmen ausweisen. Wer eine solche Infrastruktur aufbaut, sollte Sicherheit, Datenschutz und Funktionalität zuerst nachweisen und erst danach einen Starttermin verkünden.

Hinzu kommen Berichte über mögliche Interessenkonflikte im Projektumfeld. Die Vorwürfe mögen berechtigt sein oder nicht. Entscheidend ist etwas anderes: Ein Projekt dieser Bedeutung sollte gar nicht erst in die Situation geraten, dass seine Unabhängigkeit öffentlich infrage gestellt wird.

Noch problematischer ist jedoch die politische Botschaft, die von diesem Vorgehen ausgeht. Wenn bereits Monate vor dem Start eingeräumt wird, dass zentrale Funktionen fehlen werden, dann wurde nicht das Produkt an die Anforderungen angepasst. Dann wurden die Anforderungen an den Termin angepasst.

Genau darin liegt das eigentliche Versagen.

Denn die digitale Brieftasche ist kein Prestigeprojekt und keine PR-Maßnahme. Sie ist kritische Infrastruktur. Wer sie einführt, obwohl wesentliche Funktionen fehlen und offene Fragen zur Sicherheit bestehen, riskiert genau das, worauf eine digitale Identität zwingend angewiesen ist: Vertrauen.

Deutschland braucht eine digitale Brieftasche.

Aber vor allem braucht Deutschland die Fähigkeit, digitale Infrastruktur erst dann als Erfolg zu verkaufen, wenn sie tatsächlich funktioniert.

🔗https://www.golem.de/news/karsten-wildberger-deutschlands-digitale-brieftasche-kommt-halbfertig-2606-209584.html

Im November noch gewollt, im Juni auf Distanz

Monatelang wurde über einen Deal diskutiert, der Bayerns Abhängigkeit von Microsoft weiter vertieft hätte. Das Ziel: Microsoft-Lizenzen für Behörden und Kommunen zentral bündeln und günstiger einkaufen.

Kritiker warnten früh vor den Folgen. Wer seine digitale Infrastruktur immer stärker an einen einzelnen US-Konzern bindet, spart vielleicht kurzfristig Geld. Langfristig bezahlt man mit Abhängigkeit.

Jetzt zieht die Staatsregierung die Reißleine. Der Deal liegt vorerst auf Eis. Stattdessen spricht man plötzlich über digitale Souveränität, geopolitische Risiken und die Notwendigkeit unabhängiger Lösungen.

Überrascht mich das? Kein bisschen.

Mich würde vielmehr interessieren, was Markus Söder heute dazu sagt. Noch vor wenigen Monaten wurden die Verhandlungen mit Microsoft gegen jede Kritik verteidigt. Wer auf digitale Abhängigkeiten, Lock-in-Effekte und geopolitische Risiken hinwies, galt als Bedenkenträger. Heute begründet die Staatsregierung ihren Kurswechsel mit genau diesen Argumenten.

Heute werden genau die Risiken benannt, vor denen Experten seit Jahren warnen.

Die Vorstellung, man könne kritische staatliche IT-Infrastrukturen immer tiefer an einzelne amerikanische Konzerne koppeln, ohne dadurch politisch und wirtschaftlich erpressbar zu werden, war schon immer ein gefährlicher Irrtum.

Digitale Abhängigkeit entsteht nicht an dem Tag, an dem ein Anbieter den Stecker zieht.

Die Infrastruktur für Abhängigkeit wird aufgebaut, lange bevor sie genutzt wird.

Genau deshalb geht es hier nicht um einen einzelnen Microsoft-Vertrag. Es geht um die Erkenntnis, dass digitale Souveränität und maximale Plattformabhängigkeit keine kompatiblen Ziele sind.

Wer europäische Handlungsfähigkeit will, muss auch bereit sein, europäische und offene Alternativen ernsthaft aufzubauen.

🔗https://www.br.de/nachrichten/bayern/korrektur-der-staatsregierung-vorerst-kein-deal-mit-microsoft,VLTSkXp & https://www.security-insider.de/kritik-bayern-microsoft-vertrag-digitale-souveraenitaet-a-c65a5c1d275dd2cc93318a32d0690d17/

📌Short-News:

EU-Paket für digitale Souveränität: „Gefahr einer technologischen Entkopplung"

EU-Souveränitätspaket stärkt europäische Infrastrukturpolitik, reguliert Abhängigkeiten, Open-Source-Strategien und Regulierung; zentrale Frage: Machtbalance zwischen Staaten, Hyperscalern und offenen Standards.

🔗 https://www.heise.de/news/Debatte-ueber-digitale-Souveraenitaet-Protektionismus-oder-Befreiung-11318218.html

PCPJack Hijacks 230 AWS, Google Cloud, and Azure Servers for Covert SMTP Relay Network

Zeigt, wie Angreifer Cloud-Infrastruktur von Hyperskalern zur Umgehung von Kontrollen missbrauchen; verstärkt Debatte über Abhängigkeiten und Souveränität.

🔗https://thehackernews.com/2026/06/pcpjack-hijacks-230-aws-google-cloud.html

Google bringt 12-Milliarden-Parameter-Modell auf den Laptop

Lokales Open-Source-Modell ermöglicht Edge-Computing auf Laptops, potenziell Reduktion von Abhängigkeiten gegenüber Hyperskalern.

🔗https://www.heise.de/news/Google-Neues-KI-Modell-laeuft-auch-auf-Laptops-mit-nur-16GB-RAM-11318979.html

Office 365 Alternativen - Digital Independence Day #6

Bericht über Office-Alternativen LibreOffice/OnlyOffice; betont digitale Unabhängigkeit, Offenheit und europäische Souveränität gegenüber Hyperscaler-Abhängigkeiten.

🔗https://www.metacheles.de/office-365-alternativen-digital-independence-day-6/

🗣️LinkedIn-Beitrag der Woche:

Ein bemerkenswertes Signal aus der Schweiz: Der Berner Professor und Open-Source-Vordenker Matthias Stürmerberichtet über eine politische Entscheidung, die weit über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit verdient.

Der Schweizer Ständerat hat mit deutlicher Mehrheit für ein Impulsprogramm zur Stärkung der digitalen Souveränität gestimmt – und damit gegen die Empfehlung der eigenen Regierung. Im Mittelpunkt stehen Investitionen in digitale Infrastrukturen, Open-Source-Technologien, Cybersicherheit und Künstliche Intelligenz.

Warum dieser Beschluss so ungewöhnlich ist, welche politischen Konfliktlinien dahinterstehen und weshalb Stürmer von einem historischen Schritt spricht, erläutert er in seinem Beitrag. Der Artikel zeigt, wie ein Land versucht, digitale Abhängigkeiten gezielt zu reduzieren und technologische Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.

Ein lesenswerter Einblick in eine Debatte, die nicht nur für die Schweiz relevant ist.

🔗 https://www.linkedin.com/posts/matthiasstuermer_digitalesouveraeunitaeut-opensource-share-7470082998462365698-sEvO/?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAADCSWyQBU4m7hUbXDJqk27ftrkLIYOZzONU

☸️Kubernetes-News:

Kubernetes wird 12 Jahre alt – und ist längst wichtiger als viele wahrhaben wollen

Vor zwölf Jahren veröffentlichte Google die erste Version von Kubernetes.

Damals war es ein interessantes Open-Source-Projekt für Entwickler. Heute läuft ein erheblicher Teil der digitalen Welt darauf.

Cloud-Plattformen, Banken, Industrieunternehmen, Behörden, Telekommunikationsanbieter, Streaming-Dienste und KI-Infrastrukturen: Wer moderne Anwendungen im großen Maßstab betreibt, kommt an Kubernetes kaum noch vorbei.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Technologie selbst.

Das Bemerkenswerte ist, dass eines der wichtigsten Fundamente der globalen Digitalwirtschaft kein Produkt eines einzelnen Konzerns wurde, sondern ein offener Standard.

Während sich viele Organisationen über digitale Souveränität Gedanken

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