Make Cloud Yours Again
Warum digitale Souveränität weniger radikal ist, als viele glauben Geopolitische Spannungen, …

Und was diese Zahl für Europas digitale Handlungsfähigkeit bedeutet.
481,4 Millionen Euro hat die Bundesverwaltung im Jahr 2025 für Microsoft-Lizenzen ausgegeben. 2023 waren es 274,1 Millionen Euro, 2024 bereits 347,7 Millionen. Innerhalb von zwei Jahren sind die Ausgaben damit um mehr als 75 Prozent gestiegen.
Diese Dynamik ist mehr als eine haushaltspolitische Randnotiz. Sie ist ein Indikator für strukturelle Abhängigkeiten – und für eine digitale Beschaffungspraxis, die strategische Fragen zu lange ausgeklammert hat.
Als Unternehmen, das sich mit digitaler Souveränität, offenen Technologien und europäischen Wertschöpfungsketten beschäftigt, betrachten wir diese Entwicklung mit Sorge – aber auch mit einem klaren Blick auf die Realitäten in Verwaltung und Markt.
Microsoft ist nicht wegen eines einzelnen Produkts marktprägend, sondern wegen der Integration eines gesamten Ökosystems: Betriebssystem, Office-Anwendungen, Kollaboration, Identitätsmanagement, Security, Cloud-Infrastruktur. Technisch ist vieles sauber integriert, organisatorisch eingespielt, vertraglich gebündelt.
Für Behörden bedeutet das: Stabilität, bekannte Workflows, kalkulierbare Betriebsmodelle.
Gleichzeitig entstehen Lock-in-Effekte. Je stärker Prozesse, Datenmodelle, Schnittstellen und Sicherheitsarchitekturen auf einen Anbieter zugeschnitten sind, desto höher werden die Wechselkosten. Migration wird nicht zur reinen IT-Entscheidung, sondern zu einem Transformationsprojekt mit organisatorischen, rechtlichen und sicherheitsrelevanten Implikationen.
Das erklärt, warum Ausgaben steigen, obwohl das politische Ziel „digitale Souveränität" seit Jahren formuliert wird.
Besonders problematisch ist weniger die einzelne Lizenzentscheidung, sondern das Fehlen einer föderal abgestimmten Gesamtstrategie. Wenn Bund, Länder und Kommunen jeweils für sich beschaffen, ohne verbindliche Zielarchitektur, entstehen parallele Abhängigkeiten.
Transparenz über die tatsächlichen Gesamtkosten im öffentlichen Sektor ist bislang nur eingeschränkt gegeben. Ohne diese Transparenz fehlen jedoch die Grundlage für strategische Verhandlungen, Diversifizierungsentscheidungen und eine realistische Exit-Perspektive.
Digitale Souveränität ist keine rein technische Frage. Sie ist eine Frage von Steuerungsfähigkeit, Verhandlungsmacht und langfristiger Handlungsoption.
Für europäische Software- und Cloud-Anbieter stellt diese Situation eine strukturelle Hürde dar.
Viele von ihnen entwickeln leistungsfähige Lösungen in Bereichen wie Kollaboration, Cloud-Infrastruktur, Identitätsmanagement, Security oder Fachverfahren. Technologisch sind Alternativen vorhanden. Was häufig fehlt, sind großskalige Referenzprojekte in der öffentlichen Verwaltung.
Doch genau diese Referenzen sind im B2B- und Public-Sector-Markt entscheidend. Ohne Referenz keine Skalierung. Ohne Skalierung keine Preiskompetitivität. Ohne Preiskompetitivität keine Chance im nächsten Vergabeverfahren.
Hinzu kommt: Lizenzmodelle großer US-Anbieter sind oft so gestaltet, dass der Betrieb bestimmter Workloads außerhalb des eigenen Cloud-Ökosystems wirtschaftlich unattraktiver wird. Selbst wenn keine formale Exklusivität besteht, entstehen faktische Wettbewerbsnachteile.
Für europäische Anbieter bedeutet das:
Das ist kein Vorwurf an einzelne Beschaffungsstellen. Es ist eine strukturelle Marktsituation, die politisch adressiert werden muss.
Fast eine halbe Milliarde Euro pro Jahr ist ein erheblicher Betrag. Er zeigt, welches wirtschaftliche Gewicht öffentliche IT-Beschaffung hat.
Diese Mittel könnten perspektivisch auch genutzt werden, um:
Das bedeutet nicht, bestehende Systeme abrupt abzuschalten. Es bedeutet, bei anstehenden Vertragsverlängerungen, Migrationen und Modernisierungsprojekten eine klare Diversifizierungsstrategie mitzudenken.
Digitale Souveränität entsteht nicht durch einen radikalen Schnitt, sondern durch konsequente Architekturentscheidungen über mehrere Jahre hinweg.
Lizenzausgaben sind sichtbar. Weniger sichtbar sind strategische Risiken: Preisanpassungen in Abo-Modellen, technologische Abhängigkeiten bei KI-Integration, regulatorische Unsicherheiten im transatlantischen Datenverkehr.
Wer zentrale Verwaltungsprozesse langfristig in einem außereuropäischen Cloud-Stack bündelt, reduziert eigene Steuerungsoptionen. In stabilen Zeiten mag das unproblematisch erscheinen. In geopolitisch angespannten Zeiten wird es zur strategischen Frage.
Digitale Infrastruktur ist heute Teil staatlicher Daseinsvorsorge. Entsprechend muss sie auch als strategisches Gut behandelt werden.
Wir sind überzeugt: Europa verfügt über das Know-how, die Unternehmen und die Innovationskraft, um tragfähige, wettbewerbsfähige Alternativen aufzubauen. Was fehlt, ist eine konsequente Nachfragepolitik, die diese Alternativen systematisch einbindet.
Öffentliche Beschaffung hat hier eine Schlüsselrolle. Sie entscheidet nicht nur über einzelne Projekte, sondern über Marktstrukturen.
Die 500 Millionen Euro pro Jahr sind deshalb nicht nur eine Zahl. Sie sind ein Signal. Ein Signal dafür, wie stark bestehende Abhängigkeiten sind – und wie groß zugleich der Hebel wäre, wenn man ihn strategisch nutzt.
Digitale Souveränität wird nicht durch Sonntagsreden erreicht. Sie entsteht durch Architekturentscheidungen, Vertragsgestaltung, Standards und Referenzprojekte. Und durch den Mut, schrittweise neue Wege zu gehen.
Für uns ist klar: Europäische Anbieter brauchen faire Wettbewerbsbedingungen und reale Chancen auf Skalierung. Offene Technologien und interoperable Systeme sind kein ideologisches Projekt, sondern eine Voraussetzung für langfristige Handlungsfähigkeit.
Die aktuelle Entwicklung sollte deshalb nicht nur als Kostenanstieg gelesen werden. Sie sollte als Anlass dienen, die digitale Beschaffungsstrategie grundlegend zu überprüfen – mit Augenmaß, aber mit klarer Richtung.
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