3 Schritte zu mehr digitaler Souveränität
Katrin Peter 5 Minuten Lesezeit

3 Schritte zu mehr digitaler Souveränität

Digitale Souveränität ist keine Haltung und kein Strategiepapier. Sie ist das Ergebnis konkreter technischer Entscheidungen. Wer Software betreibt, entscheidet zwangsläufig darüber, in welchem Rechtsraum Daten liegen, wer faktisch Zugriff hat und wie leicht oder schwer sich Abhängigkeiten später wieder auflösen lassen. Diese Entscheidungen wirken oft jahrelang – unabhängig davon, ob sie bewusst getroffen wurden oder nicht.
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Digitale Souveränität ist keine Haltung und kein Strategiepapier. Sie ist das Ergebnis konkreter technischer Entscheidungen. Wer Software betreibt, entscheidet zwangsläufig darüber, in welchem Rechtsraum Daten liegen, wer faktisch Zugriff hat und wie leicht oder schwer sich Abhängigkeiten später wieder auflösen lassen. Diese Entscheidungen wirken oft jahrelang – unabhängig davon, ob sie bewusst getroffen wurden oder nicht.

Dieser Beitrag beschreibt drei Schritte, mit denen Unternehmen digitale Souveränität praktisch umsetzen können. Der Fokus liegt dabei nicht auf Versprechen, sondern auf überprüfbaren Eigenschaften von Architektur, Betrieb und Prozessen.


Schritt 1: Datenhaltung und Betrieb so gestalten, dass Kontrolle in der EU bleibt

Die Frage, ob Daten „in den USA gespeichert werden", wird häufig missverstanden. Der physische Speicherort ist nur ein Teil der Gleichung. Entscheidend ist, wer rechtlich und technisch Kontrolle über Infrastruktur, Betrieb und Schlüssel ausübt.

US-Rechtsrahmen wie der CLOUD Act knüpfen nicht ausschließlich an den Ort der Daten an, sondern an die Kontrolle durch bestimmte Anbieter. Das bedeutet: Wenn ein Unternehmen Dienste nutzt, die unter US-Recht fallen, können Zugriffspflichten entstehen – selbst dann, wenn Daten formal in einer europäischen Region liegen. Spätestens seit dem Schrems-II-Urteil des EuGH ist klar, dass solche Konstellationen nicht mehr pauschal als datenschutzkonform gelten. Internationale Datentransfers müssen seitdem aktiv bewertet und technisch abgesichert werden. Der Europäische Datenschutzausschuss verlangt ausdrücklich zusätzliche Maßnahmen und eine reale Risikobewertung – nicht nur Verträge.

In der Praxis heißt das: Wer Kontrolle behalten will, muss Datenhaltung, Betrieb und Schlüsselmanagement zusammen denken. Produktivdaten, Backups und auch Betriebsdaten wie Logs oder Metriken sollten innerhalb der EU verarbeitet werden. Ebenso wichtig ist, dass administrative Zugriffe, Support-Prozesse und Incident-Response nicht außerhalb dieses Rechtsraums stattfinden. Verschlüsselung ist dabei nur dann ein wirksames Mittel, wenn die Schlüssel nicht beim gleichen Anbieter liegen, der im Zweifel zur Herausgabe gezwungen werden könnte.

Genau an dieser Stelle wird die Architektur entscheidend. Kubernetes ist hier kein Modebegriff, sondern ein technischer Hebel. Es fungiert als Abstraktionsschicht zwischen Anwendung und Infrastruktur. Anwendungen werden nicht für einen bestimmten Cloud-Dienst gebaut, sondern als standardisierte Container–Workloads beschrieben. Deployments, Konfigurationen und Policies sind deklarativ und reproduzierbar. Dadurch entsteht Portabilität – nicht theoretisch, sondern praktisch.

Wenn Workloads auf Kubernetes laufen, können sie auf unterschiedlichen europäischen Cloud-Providern oder On-Premises betrieben werden, ohne dass Anwendungen neu entworfen werden müssen. Proprietäre PaaS-Dienste, die zwar bequem sind, aber an einen Anbieter binden, lassen sich so bewusst vermeiden. Exit-Fähigkeit wird damit zu einer architektonischen Eigenschaft und nicht zu einem Projekt mit ungewissem Ausgang.

ayedo nutzt genau dieses Prinzip. Kubernetes dient als einheitliche Betriebsplattform, unabhängig davon, ob die zugrunde liegende Infrastruktur bei einem europäischen Hyperscaler, einem regionalen Provider oder im eigenen Rechenzentrum steht. Entscheidend ist nicht das Label „Managed Kubernetes", sondern ein konsistentes Betriebsmodell: standardisierte Deployments, durchgängige Observability, dokumentierte Wiederanlauf- und Exit-Szenarien sowie ein Betrieb, der vollständig in der EU verankert ist. So wird aus Cloud-Nutzung eine kontrollierbare technische Entscheidung und nicht eine langfristige Abhängigkeit.


Schritt 2: Kollaboration von proprietären Suites entkoppeln – Nextcloud statt Microsoft 365

Kollaborationstools sind tief in den Arbeitsalltag integriert. Genau deshalb sind sie strategisch relevant. Microsoft 365 bündelt Identität, Dateiablage, Kommunikation, Office-Anwendungen und Compliance-Funktionen in einer eng verzahnten Suite. Funktional ist das stark, technisch aber hochgradig gekoppelt – und genau diese Kopplung erschwert Kontrolle und Exit.

Digitale Souveränität scheitert hier selten an einzelnen Features, sondern an der Gesamtkonstruktion. Daten, Metadaten und Nutzungsinformationen liegen in einer Plattform, deren Betrieb und Weiterentwicklung vollständig außerhalb des eigenen Einflussbereichs stattfinden. Ein späterer Wechsel ist möglich, aber teuer, zeitaufwendig und operativ riskant.

Nextcloud verfolgt einen anderen Ansatz. Es handelt sich nicht um ein einzelnes Tool, sondern um eine Kollaborationsplattform, die Dateiverwaltung, Sharing, Groupware, Office-Integration, Kommunikation und einfache Workflows zusammenführt. Der entscheidende Unterschied liegt im Betrieb: Nextcloud kann auf eigener Infrastruktur oder bei europäischen Anbietern betrieben werden. Datenhaltung, Zugriffskontrolle und Integrationen bleiben steuerbar.

In der Praxis bewährt sich ein schrittweiser Ansatz. Häufig beginnt die Ablösung proprietärer Suites mit Dateiablage und Sharing, weil hier Abhängigkeiten besonders sichtbar sind. Kalender, Kontakte und Office-Funktionen folgen dort, wo sie organisatorisch sinnvoll sind. Wichtig ist dabei weniger die Feature-Vollständigkeit als ein sauberer Betrieb. Gerade bei zustandsbehafteten Anwendungen wie Nextcloud entscheidet die Qualität von Storage-Konzepten, Backups, Update-Strategien und Monitoring darüber, ob die Plattform langfristig stabil ist.

Wenn bereits eine [Kubernetes]-Plattform existiert, kann Nextcloud dort betrieben werden. Das ist kein Muss, aber ein Vorteil, weil bestehende Betriebsprozesse wiederverwendet werden können. Entscheidend ist, dass Daten, Datenbanken und Caches klar voneinander getrennt sind, Updates reproduzierbar ablaufen und Wiederherstellungen regelmäßig getestet werden. Open Source allein schafft noch keine Souveränität – erst kontrollierter Betrieb macht sie real.

Der Gewinn liegt nicht in Ideologie, sondern in Handlungsfähigkeit. Unternehmen behalten die Kontrolle über ihre Daten, reduzieren rechtliche Angriffsflächen und können Kollaboration an ihre eigenen Prozesse anpassen, statt sich einer Suite-Logik zu unterwerfen.


Schritt 3: Reichweite aufbauen, ohne sich Plattformen auszuliefern

Auch Kommunikation ist Infrastruktur. Wer Reichweite ausschließlich über einzelne Social-Media-Plattformen aufbaut, akzeptiert implizit deren Regeln, Algorithmen und Geschäftsmodelle. Das ist kurzfristig bequem, langfristig aber riskant.

Ein souveräner Ansatz bedeutet nicht, Plattformen zu meiden, sondern sie bewusst parallel zu nutzen. Inhalte entstehen zentral, werden aber auf mehreren Kanälen ausgespielt. Neben etablierten Netzwerken kann das im B2B-Umfeld auch bedeuten, zusätzliche Plattformen wie Xing parallel zu bespielen – nicht aus Nostalgie, sondern zur Risikostreuung.

Der eigentliche Ankerpunkt sollte jedoch ein eigener Kanal sein. RSS spielt hier eine unterschätzte Rolle. Als offener Standard ermöglicht es, Inhalte strukturiert bereitzustellen, unabhängig von Plattformen oder Algorithmen. RSS-Feeds lassen sich direkt in Newsletter-Systeme integrieren, für Content-Syndizierung nutzen oder intern weiterverarbeiten. Der Blog wird damit zur primären Quelle, nicht zum Anhängsel von Social Media.

Der Newsletter ist in diesem Modell kein Marketing-Add-on, sondern ein kontrollierter Kommunikationskanal. Abonnentendaten liegen in eigener Verantwortung, Einwilligungen sind klar geregelt, Inhalte lassen sich thematisch segmentieren. Im Gegensatz zu Social Media ist die Reichweite hier nicht gemietet, sondern aufgebaut.


Fazit

Digitale Souveränität ergibt sich aus Struktur, nicht aus Absicht. Sie entsteht dort, wo Datenhaltung, Betrieb, Kollaboration und Kommunikation so gestaltet sind, dass Kontrolle, Portabilität und Exit-Fähigkeit technisch möglich bleiben.

Kubernetes schafft die Grundlage für einen provider-unabhängigen Betrieb. Europäisch verankerte Betriebsmodelle reduzieren rechtliche Risiken. Open-Source-Plattformen wie Nextcloud lösen strukturelle Abhängigkeiten bei der Kollaboration. Und eigene Kommunikationskanäle sorgen dafür, dass Reichweite nicht vollständig von Dritten abhängt.

Das ist keine Vision. Das ist Architektur.

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