Souveränitätsbarometer: Wie abhängig die öffentliche IT wirklich ist
Katrin Peter 3 Minuten Lesezeit

Souveränitätsbarometer: Wie abhängig die öffentliche IT wirklich ist

Digitale Souveränität ist längst Teil jeder Digitalstrategie der öffentlichen Hand. Das Souveränitätsbarometer der öffentlichen IT von next:public zeigt jedoch, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Realität ist. Die Studie liefert belastbare Zahlen – und sie zeichnen ein klares Bild struktureller Abhängigkeit.
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Digitale Souveränität ist längst Teil jeder Digitalstrategie der öffentlichen Hand. Das Souveränitätsbarometer der öffentlichen IT von next:public zeigt jedoch, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Realität ist. Die Studie liefert belastbare Zahlen – und sie zeichnen ein klares Bild struktureller Abhängigkeit.


1. Der Kernbefund: Abhängigkeit ist der Normalzustand

Das Barometer basiert auf einer Befragung von IT-Verantwortlichen der öffentlichen Hand. Der zentrale Befund ist eindeutig:

  • Rund zwei Drittel der Verwaltungen stufen ihre Abhängigkeit von internationalen, außereuropäischen IT-Anbietern als stark ein.

Diese Abhängigkeit betrifft nicht Spezialanwendungen, sondern die Grundlagen des Verwaltungsbetriebs. Genau dort entsteht der größte Kontrollverlust.


2. Wo die Abhängigkeit besonders tief sitzt

Die Studie macht deutlich, dass die größten Lock-ins nicht in Fachverfahren entstehen, sondern in der Basisschicht der IT:

  • Betriebssysteme
  • Bürosoftware
  • Kollaborations- und Kommunikationstools

Diese Komponenten sind infrastrukturell gesetzt. Sie definieren Dateiformate, Schnittstellen, Updatezyklen und Sicherheitsmodelle. Wer hier abhängig ist, kann Abhängigkeiten in Fachverfahren kaum noch auflösen. Technologische Vielfalt oberhalb dieser Schicht ändert daran nichts.


3. Fehlende Gestaltungshoheit als strukturelles Problem

Ein besonders kritischer Wert betrifft die Anpassungsfähigkeit von Software:

  • Mehr als 40 % der Verwaltungen können nur einen kleinen Teil ihrer genutzten Fachverfahren oder Plattformdienste intern oder über öffentliche IT-Dienstleister anpassen.

Das bedeutet konkret:

  • Anpassungen sind technisch oder vertraglich eingeschränkt
  • Weiterentwicklungen hängen von externen Herstellern ab
  • Eigene Prioritäten lassen sich nur begrenzt umsetzen

Souveränität endet dort, wo Software nicht mehr veränderbar ist. Nutzung ohne Gestaltung ist keine Kontrolle.


4. Cloud-Transformation: Chance oder Verstärker der Abhängigkeit

Ein weiterer zentraler Befund der Studie:

  • Zwei Drittel der Anwendungen laufen derzeit noch in klassischen On-Premise-Umgebungen.

Die anstehende Cloud-Transformation ist damit kein Randthema, sondern ein massiver struktureller Einschnitt. Das Barometer macht klar: Ob Cloud zu mehr Souveränität führt, entscheidet sich nicht an der Technologie, sondern an der Ausgestaltung.

Entscheidende Faktoren sind:

  • Nutzung offener Standards
  • Verfügbarkeit europäischer Angebote
  • Leistungsfähigkeit öffentlicher IT-Dienstleister im Cloud-Betrieb

Cloud ohne diese Leitplanken verschiebt Abhängigkeiten lediglich – sie löst sie nicht.


5. Die Befunde in der Übersicht

Bereich Zentrale Zahl Bedeutung
Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern ca. 66 % stark abhängig Struktureller Lock-in
Anpassbarkeit von Fachverfahren >40 % nur gering anpassbar Fehlende Gestaltungshoheit
Betriebsmodell ca. 66 % On-Premise Großer Transformationsdruck
Kritische Abhängigkeiten OS, Office, Kollaboration Kontrolle über Basisschicht verloren

6. Fazit: Erkenntnis vorhanden, Konsequenz fehlt

Das Souveränitätsbarometer zeigt kein Wissensdefizit, sondern ein Handlungsdefizit. Die Zahlen belegen, was seit Jahren bekannt ist:

  • Proprietäre Standards verhindern Wechseloptionen
  • Abhängigkeiten entstehen früh und wirken langfristig
  • Souveränität ohne Open Source bleibt Illusion
  • Cloud ohne strategische Leitplanken verstärkt bestehende Machtverhältnisse

Digitale Souveränität entsteht nicht durch Strategiepapier oder Standortversprechen. Sie entsteht durch Anpassbarkeit, Austauschbarkeit und eigene technische Kompetenz. Solange diese Voraussetzungen nicht systematisch aufgebaut werden, bleibt die öffentliche IT abhängig – unabhängig davon, wie oft Souveränität beschworen wird.

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