European Tech Map:
Katrin Peter 7 Minuten Lesezeit

European Tech Map:

Digitale Souveränität gehört inzwischen zu den zentralen Themen europäischer Technologiepolitik. In politischen Strategien, Wirtschaftsgremien und IT-Abteilungen wird immer häufiger diskutiert, wie Europa seine digitale Infrastruktur unabhängiger gestalten kann.
europ-ische-technologie digitale-souver-nit-t cloud-computing cybersecurity ki-plattformen technologie-kosystem software-alternativen

Wie eine Plattform europäische Technologie sichtbar macht

Digitale Souveränität gehört inzwischen zu den zentralen Themen europäischer Technologiepolitik. In politischen Strategien, Wirtschaftsgremien und IT-Abteilungen wird immer häufiger diskutiert, wie Europa seine digitale Infrastruktur unabhängiger gestalten kann.

Dabei fällt in vielen Diskussionen ein Argument besonders häufig: Für viele Technologien gebe es schlicht keine europäischen Alternativen.

Wer sich intensiver mit dem europäischen Tech-Ökosystem beschäftigt, erkennt jedoch schnell, dass diese Aussage nur einen Teil der Realität beschreibt. In vielen Bereichen existieren längst leistungsfähige Anbieter aus Europa – von Cloud-Infrastruktur über Kollaborationssoftware bis hin zu Cybersecurity- oder KI-Plattformen.

Das eigentliche Problem ist häufig nicht fehlende Technologie, sondern fehlende Sichtbarkeit.

Genau hier setzt die European Tech Map an.


Eine Landkarte für europäische Technologie

Die European Tech Map ist ein Verzeichnis europäischer Technologieunternehmen mit einem klaren Ziel: europäische Software, Cloud-Services und digitale Infrastruktur sichtbar zu machen.

Die Plattform verfolgt einen einfachen, aber wirkungsvollen Ansatz. Sie sammelt europäische Anbieter systematisch in einer zentralen Datenbank und ordnet sie nach Kategorien, Ländern und konkreten Alternativen zu etablierten Produkten.

Inzwischen umfasst das Verzeichnis laut eigenen Angaben:

  • 1.898 europäische Technologieunternehmen
  • aus 37 Ländern
  • in 79 Technologiekategorien
  • mit Alternativen zu 856 bekannten US-Produkten

Damit entsteht ein zunehmend detailliertes Bild des europäischen Technologieökosystems.

Besonders hilfreich ist dabei die Perspektive der Alternativen. Die Plattform zeigt beispielsweise europäische Anbieter für Bereiche wie:

  • Cloud Computing und Infrastruktur
  • Collaboration- und Kommunikationstools
  • DevOps-Plattformen
  • Cybersecurity-Lösungen
  • Marketing- und Analytics-Software
  • KI- und Machine-Learning-Plattformen

Für Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen wird damit deutlich schneller erkennbar, welche europäischen Optionen es für bekannte Plattformen wie Slack, Zoom, AWS, Google Workspace oder Notion gibt.


Digitale Infrastruktur ist geopolitisch geworden

Die Motivation hinter der European Tech Map ist eng mit den geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre verbunden.

Digitale Infrastruktur ist längst nicht mehr nur ein technisches Thema. Sie ist ein strategischer Faktor für wirtschaftliche Stabilität, politische Unabhängigkeit und gesellschaftliche Resilienz geworden.

Technologieunternehmen betreiben heute kritische Infrastruktur: Kommunikationsplattformen, Cloud-Speicher, Entwicklungsumgebungen oder Datenanalyse-Systeme. Entscheidungen über diese Infrastruktur wirken sich unmittelbar auf Unternehmen, Behörden und ganze Volkswirtschaften aus.

Gleichzeitig operieren viele der dominierenden Plattformen unter rechtlichen Rahmenbedingungen außerhalb Europas.

Gesetze wie der US CLOUD Act verdeutlichen, wie weitreichend solche Rechtsräume wirken können. Unter bestimmten Umständen können US-Behörden Zugriff auf Daten verlangen, selbst wenn diese physisch außerhalb der USA gespeichert sind – sofern sie von einem US-Unternehmen kontrolliert werden.

Diese Konstellation führt zu einer grundlegenden Frage: Wie abhängig ist Europa von Technologie, die außerhalb des eigenen Rechtsraums kontrolliert wird?

Die European Tech Map versteht sich als ein Beitrag, diese Frage transparenter zu machen.


Sichtbarkeit als Grundlage für digitale Souveränität

Der Gründer der Plattform, Dante Emilio Grassi, formuliert die Motivation hinter dem Projekt sehr klar:

Digitale Souveränität beginnt mit Wahlmöglichkeiten. Und Wahlmöglichkeiten setzen voraus, dass Alternativen sichtbar sind.

Europa verfügt über eine große Zahl technologischer Unternehmen, Start-ups und Infrastrukturprovider. Viele dieser Unternehmen entwickeln Lösungen, die international konkurrenzfähig sind.

Dennoch greifen Unternehmen und Organisationen häufig automatisch auf bekannte globale Plattformen zurück. Das liegt nicht nur an deren technischer Reife oder Marktdurchdringung, sondern auch an ihrer hohen Sichtbarkeit.

Produkte, die nicht bekannt sind, werden selten Teil strategischer Technologieentscheidungen.

Ein Verzeichnis wie die European Tech Map schafft hier eine wichtige Grundlage: Es macht sichtbar, welche Anbieter existieren und in welchen Bereichen Europa bereits eigene Lösungen entwickelt hat.


Wie die European Tech Map Unternehmen bewertet

Damit die Plattform mehr ist als nur eine lose Sammlung von Firmenprofilen, arbeitet sie mit klar definierten Kriterien für gelistete Unternehmen.

Grundsätzlich werden nur Anbieter aufgenommen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Dazu gehören unter anderem:

Europäische Verankerung

Unternehmen müssen ihren Hauptsitz in Europa haben. Dazu zählen EU-Mitgliedsstaaten, EEA-Länder wie Norwegen oder Island sowie weitere europäische Staaten wie die Schweiz oder das Vereinigte Königreich.

Wichtig ist dabei nicht nur der Standort, sondern auch die rechtliche Struktur. Ein Unternehmen, das beispielsweise in den USA registriert ist, kann nicht als europäischer Anbieter gelistet werden – selbst dann nicht, wenn Gründer oder Mitarbeiter aus Europa stammen.

B2B-Fokus

Die Plattform konzentriert sich auf Anbieter, deren Produkte primär für Unternehmen entwickelt wurden. Reine Consumer-Anwendungen stehen nicht im Fokus.

Transparenz über Daten und Infrastruktur

Ein zentrales Kriterium ist die Transparenz darüber, wo Daten gespeichert und verarbeitet werden. Anbieter müssen klar dokumentieren, ob Daten in der EU oder außerhalb der EU gehostet werden und auf welcher Infrastruktur ihre Services laufen.

Dabei wird auch berücksichtigt, ob Dienste beispielsweise auf Hyperscalern wie AWS, Azure oder Google Cloud betrieben werden. Solche Infrastruktur ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen, muss jedoch transparent dokumentiert sein.

Klare Eigentumsverhältnisse

Ein weiteres wichtiges Kriterium betrifft die Eigentumsstruktur. Unternehmen mit Mehrheitsanteilen außerhalb Europas können zwar gelistet werden, müssen dies jedoch klar kennzeichnen.

Ziel ist es, Transparenz darüber zu schaffen, wer ein Unternehmen kontrolliert und unter welchen rechtlichen Rahmenbedingungen es operiert.


Das „Verified"-Prinzip

Zusätzlich zu den grundlegenden Listungskriterien bietet die Plattform einen Verified-Status für Unternehmen.

Dieser bedeutet nicht, dass ein Produkt empfohlen oder qualitativ bewertet wird. Stattdessen bestätigt er, dass bestimmte Informationen überprüft wurden.

Dazu gehören beispielsweise:

  • rechtlicher Firmensitz in Europa
  • Eigentumsstruktur
  • Angaben zur Datenresidenz
  • öffentlich verfügbare Datenschutz- und Sicherheitsdokumentation
  • ein aktiver Webauftritt und identifizierbare Unternehmensstruktur

Die Plattform betont ausdrücklich, dass dieser Status keine Garantie für Servicequalität oder regulatorische Compliance darstellt. Unternehmen sollten weiterhin ihre eigene Due-Diligence durchführen.

Der Verified-Status soll vor allem Transparenz schaffen und grundlegende Informationen verlässlich verfügbar machen.


Ein wachsendes europäisches Technologieökosystem

Ein Blick auf die Daten der Plattform zeigt, wie vielfältig das europäische Tech-Ökosystem inzwischen ist.

Die größten Kategorien der gelisteten Unternehmen sind derzeit:

  • AI & Machine Learning
  • Cloud Computing
  • Cybersecurity
  • Productivity Tools
  • Accounting & Finance Software
  • DevOps-Plattformen
  • E-Commerce-Infrastruktur
  • Kommunikationslösungen

Auch geografisch verteilt sich die technologische Landschaft breit über Europa.

Die meisten Unternehmen stammen aktuell aus:

  • Deutschland
  • den Niederlanden
  • Schweden
  • Frankreich
  • dem Vereinigten Königreich
  • der Schweiz
  • Spanien
  • Rumänien
  • Belgien
  • Österreich

Diese Verteilung zeigt, dass Innovation im europäischen Technologiebereich längst nicht mehr auf einzelne Hubs beschränkt ist.


Open Source, SaaS und Infrastruktur

Interessant ist auch die technologische Struktur der gelisteten Anbieter.

Die Mehrheit der Plattformen wird als EU-SaaS-Angebot betrieben. Gleichzeitig gibt es auch eine wachsende Zahl an Lösungen mit Self-Hosting- oder On-Premise-Optionen, die besonders für Organisationen mit hohen Datenschutzanforderungen relevant sind.

Auch Open-Source-Projekte spielen eine wichtige Rolle im europäischen Ökosystem. Zwar sind sie zahlenmäßig kleiner als proprietäre Angebote, haben jedoch in vielen Bereichen eine hohe strategische Bedeutung.

Gerade im Kontext digitaler Souveränität wird Open Source häufig als Schlüsseltechnologie betrachtet, da sie langfristige Kontrolle über Software und Infrastruktur ermöglicht.


Community statt Konzerninitiative

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der European Tech Map ist ihre Entstehung.

Die Plattform ist keine Initiative eines großen Technologieunternehmens und auch kein offizielles EU-Projekt. Sie wurde als unabhängige, bootstrapped Initiative aufgebaut.

Unternehmen können ihre Organisation selbst vorschlagen oder ihre Einträge aktualisieren. Gleichzeitig kann auch die Community Hinweise auf fehlende Anbieter oder Korrekturen einreichen.

Dieses Modell sorgt dafür, dass die Plattform kontinuierlich wächst und das europäische Technologieökosystem immer vollständiger abbildet.


Warum solche Initiativen wichtig sind

Europa investiert aktuell stark in Programme zur Stärkung der digitalen Souveränität. Initiativen wie Gaia-X, europäische Cloud-Infrastrukturen oder neue Förderprogramme für Deep-Tech-Unternehmen zeigen, dass das Thema strategisch ernst genommen wird.

Doch politische Programme allein reichen nicht aus.

Digitale Souveränität entsteht letztlich durch konkrete Technologieentscheidungen. Unternehmen, Behörden und Organisationen müssen wissen, welche Optionen ihnen zur Verfügung stehen.

Genau hier entfalten Plattformen wie die European Tech Map ihre Wirkung.

Sie schaffen Orientierung in einem komplexen Markt und helfen dabei, europäische Technologien leichter zu entdecken.


ayedo auf der European Tech Map

Auch ayedo ist inzwischen Teil dieses Verzeichnisses.

Für uns ist die Aufnahme auf der European Tech Map vor allem ein Zeichen dafür, dass wir Teil eines wachsenden europäischen Technologieökosystems sind.

Gleichzeitig unterstützen wir die Idee hinter der Plattform sehr gerne. Je sichtbarer europäische Anbieter werden, desto leichter fällt es Unternehmen und Organisationen, technologische Entscheidungen bewusst zu treffen.

Initiativen wie diese leisten damit einen wichtigen Beitrag zu einem stärkeren und resilienteren europäischen Tech-Ökosystem.


Europas Technologie sichtbar machen

Europa verfügt über exzellente Forschung, innovative Unternehmen und eine wachsende Zahl technologischer Plattformen.

Was häufig fehlt, ist eine gemeinsame Sichtbarkeit dieser Stärke.

Die European Tech Map zeigt, wie groß und vielfältig das europäische Technologieökosystem bereits heute ist. Sie macht Alternativen sichtbar, schafft Transparenz und unterstützt Unternehmen dabei, informierte Entscheidungen über ihre digitale Infrastruktur zu treffen.

Gerade in einer Zeit, in der Technologie zunehmend zum geopolitischen Faktor wird, sind solche Initiativen wichtiger denn je.

Europa hat das Talent. Europa hat die Technologie.

Der nächste Schritt ist, diese Stärken sichtbar zu machen – und konsequent zu nutzen.

Ähnliche Artikel

Weekly Backlog KW 10/2026

🧠 Editorial: Cloud ist politisch. Punkt. Diese Ausgabe dreht sich um ein Thema, das viele gern …

03.03.2026