Digitale Souveränität im Echtbetrieb: Warum Schleswig-Holstein mit Open Source Maßstäbe setzt
Katrin Peter 3 Minuten Lesezeit

Digitale Souveränität im Echtbetrieb: Warum Schleswig-Holstein mit Open Source Maßstäbe setzt

Die Entscheidung der Landesregierung Schleswig-Holstein, ihre Verwaltung konsequent auf Open-Source-Software umzustellen, ist mehr als ein politisches Signal. Sie ist ein realer, technisch anspruchsvoller Umbau einer komplexen IT-Landschaft – unter Volllast, mit rund 60.000 Beschäftigten, laufendem Justiz- und Verwaltungsbetrieb und klaren strategischen Zielen. Genau deshalb ist dieser Schritt vorbildlich.
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Die Entscheidung der Landesregierung Schleswig-Holstein, ihre Verwaltung konsequent auf Open-Source-Software umzustellen, ist mehr als ein politisches Signal. Sie ist ein realer, technisch anspruchsvoller Umbau einer komplexen IT-Landschaft – unter Volllast, mit rund 60.000 Beschäftigten, laufendem Justiz- und Verwaltungsbetrieb und klaren strategischen Zielen. Genau deshalb ist dieser Schritt vorbildlich.

Der vielzitierte Satz „Open Source ist schwierig" greift zu kurz. Die eigentliche Aussage dieses Projekts lautet: Digitale Souveränität ist erreichbar – wenn man bereit ist, Verantwortung für die eigene IT zu übernehmen.


Keine Pilotfolie, sondern produktiver Betrieb

Schleswig-Holstein verfolgt seit 2024 eine landesweite Open-Source-Strategie, die zentrale Basiskomponenten der Verwaltungs-IT betrifft:

  • Office-Software: Einführung von LibreOffice als Standard
  • E-Mail & Kalender: vollständige Migration des Landes-Mail-Systems (110 Millionen E-Mails und Kalendereinträge)
  • Collaboration: schrittweise Ablösung von Microsoft SharePoint durch Nextcloud
  • Betriebssysteme: Vorbereitung eines flächendeckenden Linux-Arbeitsplatzes
  • Weitere Systeme: Umstellung von Telefonsystemen auf Open-Source-Lösungen geplant

Das ist kein Testlauf in einer einzelnen Behörde, sondern ein systemischer Umbau der IT-Grundlage eines Bundeslandes.


Technische Realität statt Marketing-Narrative

Der Artikel von heise online benennt offen die Herausforderungen: geänderte Benutzeroberflächen, Umgewöhnung bei Mitarbeitenden, Kritik aus Teilen der Justiz. Diese Punkte sind technisch wie organisatorisch erwartbar. Sie sind kein Beleg gegen Open Source, sondern Ausdruck davon, wie tief proprietäre Software in Prozesse, Schulungen und Denkmuster eingebettet ist.

Aus technischer Sicht ist entscheidend:

  • Die eingesetzten Open-Source-Lösungen sind keine Nischenprodukte, sondern millionenfach im Einsatz.
  • Die Herausforderungen liegen primär in Migration, Schulung und Change Management, nicht in fehlender Funktionalität.
  • Der Staat behält Kontrolle über Daten, Betriebsprozesse und Weiterentwicklung.

Wirtschaftliche Effekte: nachvollziehbar und messbar

Ein zentraler Treiber der Entscheidung war nicht Ideologie, sondern Kosten- und Risikokontrolle. Schleswig-Holstein beziffert die Effekte klar:

  • 15 Millionen Euro eingesparte Lizenzkosten, die nicht mehr an monopolistische Anbieter fließen
  • 9 Millionen Euro einmalige Investitionen (2026) für Migration, Modernisierung und Aufbau eigener Strukturen
  • Reinvestition der Mittel in den regionalen Digitalstandort, statt Abfluss in globale Lizenzmodelle

Gerade für Entscheider ist das relevant: Open Source verschiebt Ausgaben von laufenden Lizenzkosten hin zu Investitionen in Kompetenz, Integration und Betrieb.


Proprietäre Abhängigkeit vs. Open-Source-Strategie

Zur Einordnung hilft ein strukturierter Vergleich:

Aspekt Proprietäre Standard-IT Open-Source-Strategie Schleswig-Holstein
Lizenzmodell Laufende, steigende Gebühren Keine Lizenzkosten, Investition in Betrieb
Anbieterabhängigkeit Hoch (Vendor Lock-in) Reduziert, austauschbare Dienstleister
Kontrolle über Daten Eingeschränkt Vollständig beim Land
Anpassbarkeit Begrenzt Hoch, quelloffen
Innovationspfad Vorgabe durch Anbieter Eigenständig gestaltbar
Langfristige Kosten Schwer kalkulierbar Planbar

Diese Unterschiede sind für Verwaltungen, aber auch für Unternehmen mit regulierten oder kritischen Prozessen unmittelbar relevant.


Linux-Arbeitsplatz und Fachverfahren: der nächste Schritt

Besonders interessant für Entwickler:innen und IT-Architekt:innen ist der angekündigte nächste Fokus: die Modernisierung der Fachverfahren als Voraussetzung für einen flächendeckenden Linux-Arbeitsplatz. Hier zeigt sich strategisches Verständnis: Ein Betriebssystemwechsel ist nur sinnvoll, wenn die darüberliegenden Anwendungen mitziehen.

Die angekündigte Modernisierung der E-Akte-Lösung ist dabei ein Schlüsselprojekt. Sie entscheidet darüber, ob Open Source nicht nur Infrastruktur, sondern auch Fachlogik nachhaltig tragen kann.


Warum dieses Projekt vorbildlich ist

Schleswig-Holstein erfüllt mehrere Kriterien, die in vielen Open-Source-Strategien fehlen:

  1. Konsequenz: Keine Insellösungen, sondern systemischer Ansatz
  2. Transparenz: Offene Benennung von Problemen und Kosten
  3. Skalierung: Umsetzung im großen Maßstab
  4. Souveränität: Fokus auf Kontrolle statt Bequemlichkeit

Für andere Bundesländer, Kommunen und auch große Organisationen ist das ein belastbares Referenzprojekt. Es zeigt, dass Open Source kein Risiko ist, sondern ein beherrschbares Architektur- und Organisationsprojekt.


Fazit

Digitale Souveränität entsteht nicht durch Bekenntnisse, sondern durch operative Entscheidungen. Schleswig-Holstein trifft diese Entscheidungen – bewusst, faktenbasiert und gegen den kurzfristigen Komfort. Genau das macht diesen Weg vorbildlich.

Wer heute noch argumentiert, Open Source sei für kritische Verwaltungs- oder Unternehmens-IT nicht geeignet, muss sich an diesem Projekt messen lassen.

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