Weekly Backlog KW 36/2026
Katrin Peter 9 Minuten Lesezeit

Weekly Backlog KW 36/2026

Manchmal merkt man erst, wie abhängig man ist, wenn etwas ausfällt. Oder verkauft wird. Oder plötzlich jemand anderes Zugriff auf die eigenen Daten haben möchte.

🧠Editorial:

Manchmal merkt man erst, wie abhängig man ist, wenn etwas ausfällt. Oder verkauft wird. Oder plötzlich jemand anderes Zugriff auf die eigenen Daten haben möchte.

Genau davon handelt diese Ausgabe meines Weekly Backlogs.

Die USA wollen Zugriff auf europäische Polizeidaten. Milliarden Bilder aus Pokémon Go werden Jahre später zum Trainingsmaterial für KI. Ein Exchange-Ausfall erinnert Unternehmen daran, wie viel ihrer Kommunikation an einem einzigen Anbieter hängt. Und AWS übernimmt die Firma hinter DuckDB – während der Code Open Source bleibt.

Besonders hängen geblieben ist bei mir diese Woche die Frage, wie Entscheidungen von heute ihre eigentliche Tragweite manchmal erst Jahre später zeigen.

Wer 2016 mit Pokémon Go durch die Stadt gelaufen ist, dürfte kaum gedacht haben: Ich sammle hier gerade Trainingsdaten für eine KI, mit der irgendwann Roboter navigieren können.

Wer seine komplette Kommunikation zu Microsoft verlagert, denkt wahrscheinlich auch nicht bei jeder Mail darüber nach, was passiert, wenn die zentrale Authentifizierung ausfällt.

Und eine Open-Source-Lizenz beantwortet zwar die Frage, wem der Code gehört – aber noch lange nicht, wer die Zukunft eines Projekts bestimmt.

Dazu gibt es diese Woche noch einen ziemlich wilden Linux-Ansatz ohne klassischen Hypervisor, Kubernetes 1.37 und ein paar lesenswerte Geschichten rund um openDesk, Microsoft-Abhängigkeiten und Cybersecurity.

Mein Backlog war diese Woche jedenfalls wieder deutlich länger als meine verfügbare Zeit. Viel Spaß beim Lesen. ☕️

📰 Tech-News:

Europas Polizeidaten für die USA

Die USA wollen weitreichenden Zugriff auf europäische Polizeidatenbanken. Wer nicht mitmacht, riskiert die Visafreiheit seiner Bürger. Die EU-Kommission verhandelt über ein entsprechendes Rahmenabkommen.

Schon das halte ich für hochproblematisch. Noch problematischer wird es mit Blick auf Palantir.

Der aktuelle Entwurf zur „Enhanced Border Security Partnership“ ermöglicht automatisierte Abfragen europäischer Polizeidatenbanken. Die Daten dürfen auch zum „Screening“ von Menschen verwendet werden. Unter bestimmten Voraussetzungen können sogar Informationen über politische Meinungen, Religion, ethnische Herkunft, Gesundheit oder Sexualleben übermittelt werden.

Und diese Daten treffen in den USA auf eine Sicherheitsinfrastruktur, in der Palantir längst eine wichtige technologische Rolle spielt.

Palantir ist für mich kein beliebiger Softwareanbieter. Mitgründer Peter Thiel schrieb bereits 2009, er glaube nicht länger daran, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien. CEO Alex Karp vertritt öffentlich eine politische Agenda, in der technologische und militärische Macht der USA eine zentrale Rolle spielen.

Das Abkommen bedeutet zwar nicht, dass Palantir automatisch Zugriff auf europäische Polizeidaten erhält. Aber Europa würde den Datentransfer in ein US-Sicherheitsökosystem erheblich ausweiten, in dem Palantir fest verankert ist. Gleichzeitig fehlt bisher in den USA jene unabhängige Datenschutzaufsicht, die europäische Grundrechte verlangen. Max Schrems hält das geplante Modell deshalb für rechtswidrig.

Und das alles, damit Europäer weiterhin ohne Visum in die USA reisen dürfen.

Ich bin der Meinung: Europäische Grundrechte sollten keine Verhandlungsposten für amerikanische Einreisebedingungen sein. Und europäische Polizeidaten gehören nicht in eine “Sicherheitsarchitektur” von Palantir.

🔗 https://netzpolitik.org/2026/erzwungene-grenzpartnerschaft-abkommen-zum-us-datenzugriff-auf-der-zielgeraden/

Deine Daten von gestern trainieren die KI von morgen

Millionen Menschen liefen mit Pokémon Go durch Städte, richteten ihre Smartphones auf Gebäude und Sehenswürdigkeiten und suchten virtuelle Figuren. Was dabei nebenbei entstand, bekommt heute eine völlig neue Bedeutung.

Niantic Spatial hat sein Modell mit 30 Milliarden Bildern aus städtischen Umgebungen trainiert. Die Aufnahmen stammen unter anderem von Spieler von Pokémon Go und Ingress. Sie enthalten detaillierte Metadaten: Standort, Blickrichtung, Ausrichtung des Smartphones, Bewegung, Geschwindigkeit und weitere Informationen.

Damit kann ein Modell heute anhand weniger Bilder bestimmen, wo es sich befindet – laut Niantic Spatial bis auf wenige Zentimeter genau. Lieferroboter sollen damit künftig dort navigieren, wo GPS an seine Grenzen stößt.

Technologisch ist das beeindruckend.

Aber genau deshalb sollten wir über die andere Seite sprechen.

Pokémon Go wurde als Spiel wahrgenommen. Gespielt wurde es auch von vielen jungen Menschen. Gleichzeitig entstand durch die Nutzung ein Datensatz von enormem wirtschaftlichem und technologischem Wert.

Das zeigt erneut eine Grundregel der digitalen Wirtschaft:

Nichts ist kostenlos.

Wenn wir für einen digitalen Dienst kein Geld bezahlen, bedeutet das nicht, dass keine Gegenleistung stattfindet. Wir bezahlen möglicherweise mit Standortdaten, Bewegungsprofilen, Bildern, Nutzungsverhalten oder Informationen über unsere Umgebung.

Und der entscheidende Punkt ist: Zum Zeitpunkt der Datenerhebung können wir häufig kaum abschätzen, welchen Wert diese Daten Jahre später besitzen und wofür sie technisch eingesetzt werden können.

Aus Daten, die im Kontext eines Spiels entstanden sind, wird Trainingsmaterial für KI. Aus Smartphone-Aufnahmen wird eine hochpräzise digitale Repräsentation unserer physischen Welt. Und aus einem Freizeitprodukt wird ein Baustein kommerzieller Infrastruktur.

Das ist nicht automatisch illegitim. Aber es zeigt, warum wir in Europa wesentlich konsequenter über Datenhoheit, Zweckbindung und digitale Souveränität sprechen müssen.

Daten sind kein wertloses Nebenprodukt unserer digitalen Aktivitäten.

Sie sind ein Vermögenswert. Und viel zu oft erkennen wir ihren Wert erst, nachdem wir ihn abgegeben haben.

🔗 https://t3n.de/news/pokemon-go-ki-lieferroboter-navigation-1733967/

Microsoft Exchange fällt aus. Und plötzlich steht die digitale Abhängigkeit wieder im Raum.

Am Montag kam es zu erheblichen Problemen bei Microsoft Exchange Online. Nutzer konnten teilweise keine E-Mails senden oder empfangen, hatten Probleme bei der Anmeldung und beim Zugriff auf ihre Postfächer. Auch Suchfunktionen und administrative Funktionen waren betroffen.

Microsoft bestätigte den Vorfall und führte ihn auf ein Problem mit einer zentralen Authentifizierungskonfiguration zurück, die von mehreren Microsoft-365-Diensten verwendet wird. Exchange Online war besonders stark betroffen.

Der Vorfall begann laut Microsoft am 31. August um 15:08 Uhr UTC. Im weiteren Verlauf meldete das Unternehmen eine zunehmende Wiederherstellung der Mail-Konnektivität. Aufgestaute Nachrichten konnten bei einzelnen Organisationen jedoch weiterhin für Verzögerungen sorgen.

Exchange Online ist für zahlreiche Unternehmen und Organisationen zentrale Kommunikationsinfrastruktur. Wenn ein Dienst dieser Größenordnung Probleme hat, betrifft das nicht irgendeine Softwarefunktion. Es betrifft einen elementaren Bestandteil des Arbeitsalltags.

Genau hier zeigt sich das strukturelle Problem zunehmender Cloud-Zentralisierung.

Je mehr E-Mail, Kollaboration, Identitätsmanagement, Office-Anwendungen und weitere geschäftskritische Prozesse bei einem einzigen Anbieter zusammenlaufen, desto größer wird dessen Bedeutung für die eigene Handlungsfähigkeit.

Cloud ist nicht automatisch Resilienz. Und ein großer Anbieter beseitigt Abhängigkeiten nicht. Er kann sie sogar konzentrieren.

Digitale Souveränität bedeutet deshalb nicht, jeden Cloud-Dienst abzulehnen. Sie bedeutet, Abhängigkeiten zu kennen, Alternativen vorzuhalten und Infrastruktur so zu gestalten, dass der Ausfall eines einzelnen Anbieters nicht zum eigenen Kontrollverlust wird.

Der Exchange-Ausfall wird behoben - die strukturelle Abhängigkeit bleibt.

🔗https://www.heise.de/news/Ausfall-von-Exchange-Online-Microsoft-untersucht-den-Vorfall-11435865.html?utm_term=Autofeed&utm_medium=Social&utm_source=LinkedIn#Echobox=1788200605

Linux ohne Hypervisor: Mehrere Kernels sollen parallel auf einem Rechner laufen

Mehrere Linux-Kernels parallel auf derselben Hardware – ohne klassische Virtualisierung durch einen Hypervisor. Genau daran arbeitet der langjährige Kernel-Entwickler Cong Wang mit MKLinux.

Die Idee eines Betriebssystemkerns pro Prozessorkern ist nicht neu. Bereits vor 17 Jahren beschäftigten sich Forscher von Microsoft und der ETH Zürich mit diesem Ansatz. In der Praxis setzte sich jedoch die Hardware-Virtualisierung mittels Hypervisor durch.

MKLinux verfolgt einen anderen Weg.

Zunächst startet ein Kernel, der die gesamte Hardware verwaltet. Anschließend kann er Teile der Hardware freigeben und weiteren, über kexec gestarteten Kernels zuweisen. Diese erhalten direkten Zugriff auf die ihnen zugeteilte Hardware – auch ohne Single Root IO Virtualisation (SR-IOV).

Zusätzliche Hardware lässt sich über Hot Plugging nachträglich zuweisen. Für die initiale Zuweisung verwendet MKLinux den Device Tree. Das Konzept greift damit auf bereits vorhandene Technologien zurück.

Wang sieht Vorteile gegenüber bestehenden Isolationsmechanismen. Wie bei Containern läuft Software ohne die Abstraktionsschicht eines Hypervisors. Hypervisor-Aufrufe und zusätzliche Seitentabellen entfallen. Von Wang veröffentlichte Benchmarks zeigen bei Betriebssystemaufrufen und Kontextwechseln teilweise deutlich niedrigere Latenzen.

Gleichzeitig sind die einzelnen Kernels voneinander isoliert. Ein problematischer Kernel soll dadurch nicht das gesamte System lahmlegen. Die Trennung kann zudem die Angriffsfläche begrenzen.

Als mögliches Einsatzgebiet nennt Wang das Hosting verschiedener Server-Komponenten auf einer Maschine. Das Konzept lässt sich auch auf einzelne Anwendungen ausweiten: Ein Device-Kernel verwaltet dabei die Hardware und startet weitere App-Kernels. Die Kommunikation erfolgt über gemeinsamen Speicher. Für diesen Ansatz entwickelte Wang mit Daxfs ein eigenes Dateisystem. App-Kernels sieht er insbesondere als mögliche Lösung für KI-Agenten.

Eine erste Version von MKLinux wurde bereits veröffentlicht. Der modifizierte Linux-Kernel 7.0 ist auf GitHub verfügbar.

Aktuell unterstützt MKLinux ausschließlich 64-Bit-x86-Systeme. Ob das Konzept künftig in den Mainline-Linux-Kernel aufgenommen wird, ist offen. Eine kurzfristige Integration wird nicht erwartet.

🔗https://www.golem.de/news/ohne-hypervisor-linux-fork-startet-mehrere-kernels-auf-einem-computer-2608-212438.html

💬 LinkedIn-Beitrag der Woche:

AWS kauft DuckLabs

DuckDB bleibt Open Source, MIT-lizenziert und bei der gemeinnützigen DuckDB Foundation. Zu AWS wechseln dagegen das Unternehmen hinter dem Projekt und die Menschen, die seine Entwicklung maßgeblich vorangetrieben haben.

Dominik Rapacki nimmt die Übernahme zum Anlass, einen oft übersehenen Aspekt von Open Source zu beleuchten: Eine freie Lizenz regelt, was mit dem Code gemacht werden darf. Sie entscheidet aber nicht darüber, wer ihn künftig weiterentwickelt, Prioritäten setzt und damit die Richtung eines Projekts prägt.

Besonders interessant ist dabei die europäische Geschichte hinter DuckDB. Das Projekt entstand aus öffentlich finanzierter Forschung am CWI in Amsterdam, wurde als Open Source veröffentlicht und später in DuckLabs ausgegründet. Nun übernimmt AWS das Unternehmen.

Dominik Rapackis Beitrag ordnet diesen Weg ein und zeigt, warum sich bei Open Source der Blick nicht nur auf Lizenzen, sondern auch auf die Menschen und Strukturen hinter einem Projekt lohnt.

🔗 https://lnkd.in/p/ecTVZkJb

☸️Kubernetes-News:

Kubernetes 1.37: Metrics API erreicht Stable-Status

Mit Kubernetes 1.37 wird die Resource Metrics API metrics.k8s.io nach fast neun Jahren Beta als v1 veröffentlicht. Die unter anderem von kubectl top und dem HorizontalPodAutoscaler genutzte API erhält damit einen stabilen API-Vertrag.

Am Datenmodell ändert sich bewusst nichts: metrics.k8s.io/v1 stellt weiterhin CPU- und Memory-Metriken für Nodes und Pods bereit und übernimmt das Schema von v1beta1 unverändert. Relevant ist die Graduation daher vor allem für Plattformteams und Entwickler eigener Kubernetes-Integrationen, die künftig gegen eine Stable API entwickeln können.

Beim Upgrade ist allerdings eine Besonderheit zu beachten: Die Metrics API wird über die Kubernetes API Aggregation bereitgestellt. Ob v1 tatsächlich verfügbar ist, hängt daher auch von der eingesetzten Implementierung wie dem metrics-server ab. Zudem ist die Migration innerhalb von Kubernetes 1.37 noch nicht vollständig abgeschlossen. Während kubectl top bereits v1 bevorzugt und bei Bedarf auf v1beta1 zurückfällt, verwendet der HorizontalPodAutoscaler weiterhin ausschließlich v1beta1.

Für Betreiber bedeutet das: v1 kann und sollte eingeführt werden, v1beta1 sollte in Clustern mit ressourcenbasiertem HPA vorerst jedoch weiterhin verfügbar bleiben.

🔗https://kubernetes.io/blog/2026/08/27/kubernetes-v1-37-metrics-api-ga/

📰 Short News:

openDesk auf einem Kubernetes-Cluster installieren

Praxisbeispiel für den souveränen IT-Betrieb: openDesk lässt sich auf einem eigenen Kubernetes-Cluster betreiben. Der Beitrag zeigt die technische Umsetzung und damit eine Alternative zu proprietären Cloud- und Office-Infrastrukturen.

🔗https://www.heise.de/ratgeber/openDesk-auf-einem-Kubernetes-Cluster-installieren-11381623.html

Wie Behörden sich aus der Abhängigkeit von Microsoft befreien

Open Source statt dauerhafter Herstellerbindung: Der Beitrag beleuchtet, wie Behörden ihre Abhängigkeit von Microsoft reduzieren und mit alternativen Lösungen mehr Kontrolle über Bürokommunikation und IT-Infrastruktur gewinnen können.

🔗 https://www.heise.de/ratgeber/Wie-Behoerden-sich-aus-der-Abhaengigkeit-von-Microsoft-befreien-11351389.html

OpenAI und die Cybersecurity: Kritik an fragwürdigen Methoden

Der Heise-Kommentar setzt sich kritisch damit auseinander, wie OpenAI das Thema Cybersecurity für die eigenen Interessen nutzt. Im Mittelpunkt stehen die Methoden und die Kommunikation des KI-Konzerns.

🔗 https://www.heise.de/meinung/Wie-OpenAI-die-Cybersecurity-mit-fiesen-Tricks-vor-den-eigenen-Karren-spannt-11433488.html

Hannover und der Streit um 75.000 Microsoft-365-Lizenzen

Die Stadt Hannover wollte 75.000 M365-Lizenzen beschaffen – und stieß dabei auf erhebliche Probleme. Der Hintergrundbericht zeichnet den Vorgang nach und zeigt, welche Schwierigkeiten große öffentliche IT-Beschaffungen mit sich bringen können. 🔗 https://www.heise.de/hintergrund/Wind-of-Change-Wie-Hannover-sich-an-75-000-M365-Lizenzen-die-Finger-verbrannte-11432195.html

Berlin: Cyberangriff begann lange vor seiner Entdeckung

Ein Cyberangriff auf die Berliner Verwaltung blieb offenbar längere Zeit unentdeckt. Der Fall zeigt, dass Angreifer bereits deutlich vor der eigentlichen Entdeckung eines Sicherheitsvorfalls in IT-Systemen aktiv sein können. 🔗 https://www.heise.de/news/Berlin-Cyberangriff-auf-Verwaltung-begann-lange-vor-der-Entdeckung-11432414.html

😄Meme der Woche:

Weitere Backlogs

Weekly Backlog KW 36/2026

🧠Editorial: Manchmal merkt man erst, wie abhängig man ist, wenn etwas ausfällt. Oder verkauft wird. …

27.08.2026

Weekly Backlog KW 35/2026

📰 Tech-News: Deutsche Unternehmen fürchten ihre US-Abhängigkeit Deutsche Unternehmen sehen ihre …

25.08.2026

Weekly Backlog KW 34/2026

🧠Editorial: 40 Minuten. So lange hat es offenbar gedauert, bis aus einem kompromittierten Zugang …

17.08.2026
Kontakt aufnehmen